Vielleicht Ravenna…

Da wir Ravenna erst gegen Mittag erreichen, lassen wir den Tag gemütlich angehen. Mit einem ausgiebigen Frühstück. Ditte ist von der Auswahl überfordert und nimmt Milchreis mit Zimt und Zucker. Das wird ihr Frühstück bis zum Ende der Reise bleiben. Wir sind einmal wieder überwältigt vom Buffet. Ich nehme mir vor, einmal ein ganz typisch deutsches Frühstück zu machen, was mir aber bis zum Ende der Reise nicht gelingt, weil mich die Auswahl so sehr ablenkt, dass plötzlich ganz andere Dinge auf meinem Teller landen. Mal der Lachs, dann die leckeren Miniapfeltaschen, mal Drachenfrucht, Beerenjoghurt, frisch gebackene Pfannkuchen mit Ahornsirup, Mango und unglaubliche Mengen Melone und Ananas. Aus alter Tradition greife ich auch ein Mal bei der Ziegenmilch zu, obwohl mir die nicht besonders schmeckt, aber wenn sie schon mal da steht…

Am Vormittag ist eine Einführungsveranstaltung für Eltern und Kinder im Theater. Da wird einiges erklärt, ein Sicherheitsfilm gezeigt und anschließend geht es in den Kids Club, zumindest für die Kinder, die wollen. Ditte will.

Eine Betreuerin nimmt sie an der Hand, weil sie die Kleinste ist, und dann eilt sie davon, den anderen Kindern hinterher. Wir sehen ihr nach, ein wenig ratlos darüber, was wir mit der neu gewonnenen Zeit anfangen sollen. Damit hatten wir nicht gerechnet, denn eigentlich ist Ditte eher schüchtern.

Jetzt hätte ich Zeit für Sport. Dummerweise liegen meine Turnschuhe und die Sporthose zu Hause. Ich hatte nicht damit gerechnet, Zeit für Sport zu haben. Im AIDA Shop gibt es zwar vieles, auch Zahnbürsten und Windeln, aber Sportsachen gibt es nur in Neopren oder mit Fahrradfahrerpölsterchen am Po. Schade.

Das schlechte Gewissen wegen des vielen leckeren Essens muss ich dann eben mental und nicht durch körperliche Aktivität bekämpfen. Ich verdränge es erfolgreich durch ungestörtes Lesen auf dem Sonnendeck. Dort halten sich zwar unglaublich viele Menschen auf, aber keiner von denen zupft mich am Arm oder sagt Dinge wie „Mama, ich will jetzt was essen“. Welch eine Ruhe! Nach drei Buchseiten bin ich eingeschlafen. Vielleicht hätte ich doch einen Thriller oder Krimi mitnehmen sollen.

Zur angegebenen Zeit finden wir uns wieder vor dem Kids Club ein, um Ditte abzuholen. Ob sie mit zum Essen gehen will, wird sie gefragt. Denn die Kinder im Kids Club spielen nicht nur gemeinsam, sondern essen auch zusammen, wenn sie wollen. Ditte will nicht.

Wir müssen aber einen Tisch in Sichtweite des Kinderbereichs im Restaurant suchen. Die kleineren Kinder, die dort essen, bekommen ausgewähltes Kinderessen, liebevoll zubereitet von Alwine, einem der vier Club-Maskottchen, wie die Betreuer erklären. In unserer Urlaubswoche gibt es unter anderem Spagetti mit Soße, Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und Spinat oder Pizza, dazu Saft und Wasser und natürlich Nachtisch. Die größeren dürfen ihr Essen selbst aussuchen.

Die AIDA legt am Hafen von Ravenna an. Einen Ausflug haben wir nicht gebucht, weil wir erst einmal sehen wollten, wie Ditte die Kreuzfahrt so findet. Das war auch gut so, denn Ditte hat schon einen Nachmittagstermin: Kids Club. Wir lassen sie ein wenig im Kinderpool planschen und geben sie im Kids Club ab.

Die kinderfreie Zeit nützen wir, um ein wenig von Bord zu gehen. Den von AIDA angebotenen Shuttlebus-Service – für zehn Euro pro Person – wollen wir nicht nützen, weil wir erreichbar sein möchten, falls Ditte abgeholt werden will. Dass der Hafen von Ravenna, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegen, etwas ab vom Schuss ist, haben wir schon gelesen. Mit dem, was uns dort erwartet, haben wir nicht gerechnet. Ein trister Vorort, der irgendwie ausgestorben wirkt, und das nicht nur, weil Feiertag ist.

Die übliche Hafen-Infrastruktur fehlt völlig. Keine Läden, in denen Postkarten, Souvenirs oder lokale Spezialitäten angeboten werden, kein Taxi, keine Autovermietung, nicht einmal eine Bushaltestelle in Sichtweite. Das einzige Lokal im Ort steht leer und macht nicht den Eindruck, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird, und das einzige, was sich bewegt, ist ein trockenes Grasbüschel, das der Wind über die Straße weht. Die Szene erinnert ein wenig an einen schlechten Western, und wir erwarten, dass im nächsten Augenblick ein Cowboy mit gezogener Waffe auf uns zuspringt.

Als nicht einmal das passiert, gehen wir zum Schiff zurück. Später holen wir ein glückliches Kind aus dem Kids Club ab. Wir erfahren etwas wirre Bruchstücke dessen, was sie dort gespielt hat, und dass sie unbedingt morgen wieder hin will. Kreuzfahrten sind toll.

Abendessen will Ditte nicht mit uns, sondern mit den Kindern vom Kids Club, mit denen sie anschließend noch tanzen geht. Die Kinder proben nämlich für eine Vorführung am letzten Tag. Ditte liebt tanzen, und wir genießen es lange am Tisch zu sitzen, zu essen und uns zu unterhalten. Ganz ohne ein „Mama, ich bin fertig. Ich will jetzt gehen“. Kreuzfahrten sind toll.


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