Apr 212012
 

Unser Kindergarten schließt um 14.00 Uhr. Es gibt bis dahin kein Mittagessen für die Kleinen.

Ja, so ist das auf dem Land nun mal.

Das Erstaunliche daran: Ditte gehört zu den knapp 10 % der Kinder, die für die Maximalbetreuungszeit angemeldet sind. Etwa 60 – 70 % sind für die Minimalzeit von 20 – 25 Stunden pro Woche angemeldet.

Wenn ich mich mit anderen Mamas unterhalte, dann erzählen sie mir: „Du hast es gut, du kannst arbeiten gehen. Ich würde auch gern arbeiten.“

Ich denke mir: Dann mach‘ das doch!

Aber ich weiß inzwischen genau, was dann kommt: „Aber ich kann nicht, weil…“

Meist folgt bei diesem „weil“ irgendein Argument, das mit Kindergartenöffnungszeiten und Arbeitszeiten zu tun hat.

Direkt im Anschluss: die geringe Bezahlung, der zusätzliche Stress und der liebende Mann, der so großzügig sagt: „Dann bleib doch zu Hause. Wir können uns das leisten“, statt „Das klappt schon. Wie kann ich dich unterstützen?“.

Der Kreis schließt sich mit einem: „Ich würde ja gern arbeiten, aber es geht einfach nicht.“

 

Vom Kindergarten aus wird jetzt eine neue Bedarfsbefragung gemacht. Welche Öffnungszeiten werden gewünscht? Soll es eine Nachmittagsgruppe geben? Oder ein Mittagessen?

Ich gebe zu, dass diese Bedarfsbefragung nicht von ungefähr kommt, sondern dass ich massiv darauf  hin gearbeitet habe – ich bin deshalb sogar in den Elternbeirat eingetreten und habe da alle Eltern, einschließlich Erzieherinnen und die Kindergartenverwaltung genervt. In der Hoffnung, dass sich vielleicht etwas ändert.

 

Das erste Feedback habe ich schon erhalten. Von einer Mutti, die gern arbeiten würde, aber noch nicht jetzt, sondern erst im Herbst.

Klar hat sie bei der Bedarfsbefragung ihren Bedarf angegeben. Sie braucht keine Nachmittagsgruppe.

Im Herbst dann vielleicht schon, aber das weiß sie jetzt noch nicht. Und schon mal Bedarf für eine Nachmittagsgruppe anzumelden, obwohl eigentlich keiner besteht, war irgendwie nicht ihr Ding. Schließlich weiß sie heute nicht, ob sie im Herbst Arbeit bekommt.

Ich schon, ich weiß es genau:

Sie wird sich vorstellen und sie wird sagen: „Ich kann nur bis halb zwei, weil der Kindergarten um zwei schließt.“ Ihr potentieller Arbeitgeber wird sagen, dass das nicht reicht.

Sie wird sich ärgern, von ihrem liebenden Mann getröstet werden mit den Worten: „Dann bleibst du halt noch zu Hause. Wir können uns das doch leisten.“

Wir werden nächstes Jahr wieder dasselbe Gespräch führen. Über Kindergartenöffnungszeiten und Arbeitszeiten, und dass die nicht zusammen passen.

Und die Welt dreht sich im Kreis.

Dez 022011
 

Ein Bild des Grauens erwartete uns neulich nach der stillen Stunde in Dittes Zimmer (Das Foto ist nicht ganz aussagekräftig, denn auf die Idee die Sauerei zu fotografieren kam ich erst nach dem Aufräumen).

Im Bad gab es dann eine weitere Überraschung: Die eben angefangene Klopapierrolle war leer. Was Wunder! Sie lag in winzige Stücke zerfeckelt in Dittes Zimmer am Boden verteilt. Die komplette Rolle.

Ja, die stille Stunde war still, beängstigend still. Aber dass sie sich eine halbe Stunde damit beschäftigt, eine ganze Rolle Klopapier zu zerfleddern, das hätte ich nicht gedacht.

Beim Aufräumen erklärte sie, dass jetzt nur noch Leim dazu muss. Die Sache mit dem Leim haben wir erst mal bleiben lassen, die Fitzelchen sind immer noch im Eimer. Mal sehen, vielleicht basteln wir was daraus. Wie man Pappmaché macht, hat Ditte ja im Kindergarten gelernt.

Okt 082011
 

Oh je, wie peinlich: Kindergartenliste übersehen, mal wieder.
Dieses Mal war es die Liste für die mitgebrachten Sachen für das Erntedank-Fest. Eine Menge Muttis hatten sich eingetragen, um ihren Kindern Äpfel, Nüsse, Maiskolben oder anderes mitzugeben.
Ich hab’s auch gelesen. Am Tag danach. Getröstet habe ich mich damit, dass in unserem Garten ohnehin außer den Tomaten nichts gewachsen ist, und die sind schon lang abgeerntet. Und die Erntedank-Artikel im Supermarkt zu shoppen, kam mir zwar sehr zeitgemäß, aber trotzdem irgendwie falsch vor.
Woran es liegt, dass ich die Zettel übersehe?

Ich vermute mal an der fehlenden Zeit.
Wenn wir die Ditte in den Kindergarten bringen, geht es meist sehr knapp her. Schnell die Tasche an den Haken hängen, Schuhe wechseln und ab in die –meist noch kinderleere – Morgengruppe. Ich hole sie auch nur an drei Tagen die Woche selbst ab, davon an einem Tag zwangsweise kurz bevor die Ditte vor die Tür gesetzt wird, was vermutlich nicht passieren würde, aber ich scheue mich davor, es herauszufinden. An den anderen beiden sind wahlweise die Großeltern oder mein Mann dran.
Nichts gegen Männer, aber an Erntedankfest-Mitbringlisten hatte meiner irgendwie gar kein Interesse. Zumindest haben wir zu Hause kein Gespräch darüber geführt.
„Oh Schatz, hast du es auch gelesen? Im Kindergarten wird Erntedank gefeiert. Alle Eltern sind aufgerufen, ihren Kindern etwas für die Feier mitzugeben. Wir sollten dringend ein brainstorming machen, was wir der Ditte mitgeben könnten.“ „Das klingt ja wundervoll. Ich hole schon mal die Flipchart. Wollen wir eine Mindmap machen? Wir sollten die Vorschläge intern ranken.“
Okay, ich gebe zu, das wäre sicherlich übertrieben, aber an unserer Kommunikation hapert es schon auch ein wenig. Gerade, wenn mehrere Personen mit dem Kinder-Handling beschäftigt sind, wäre die terminliche Abstimmung wichtig. Ich bin manchmal schon froh, dass mich bisher noch keine der Erzieherinnen um viertel nach eins verärgert angerufen hat und gefragt hat, warum unser Kind immer noch im Kindergarten ist. So einen Anruf habe ich an manchen Tagen schon befürchtet.

Für die Zukunft werde ich ein paar gute Vorsätze fassen:
1. An einem Tag der Woche gründlich die Aushänge studieren. Alle. Ja, auch die geheimen hinter der Tür.
2. Auch die allerselbstverständlichsten Dinge aussprechen gegenüber demjenigen, den sie betreffen, und nachzufragen, wenn ich mir nicht ganz sicher bin, wer die Kleine abholt. Lieber einmal zu oft, als die nagende Ungewissheit, ob doch irgendwann der befürchtete Anruf kommt.
3. Und vor allem: Die Kindergartentermine genauso ernst nehmen, wie meine eigenen in der Arbeit. Eintrag in den Kalender, kommunizieren und – falls erforderlich – darauf vorbereiten.

Und dann beruhigt mich mein Mann: Er hat zusammen mit der Kindergärtnerin eine Handvoll Weintrauben gegessen, als er die Ditte abgeholt hat. Die waren noch übrig. Vom Erntedankfest. Zwei Tage später.

 

Sep 292011
 

Ich gebe es ehrlich zu: Ich hab’s komplett verpeilt.

Das mit dem Mutti-Kennenlern-Nachmittag im Kindergarten. Das Event hatte natürlich einen geschmackvolleren Namen, aber nachdem ich die Einladung dafür irgendwie überlesen habe, kann ich nicht sagen, welchen.

Selbstverständlich hatte ich davon gehört, und mir sogar einen Tag Urlaub genommen – und das obwohl an exakt diesem Tag der Betriebsausflug meines Arbeitgebers stattgefunden hätte.

Was mir total entgangen ist: Die Vorbereitung.

Darauf gestoßen bin ich erst, nachdem die Kindergärtnerin meinen Mann ansprach, ob ich kommen würde, denn ich hätte mich noch nicht in die Liste eingetragen. Selbstverständlich fragte sie nicht, ob er kommen würde, denn in unserer Gegend sind Männer im Kindergarten ähnlich häufig wie eine große Planetenkonjunktion.

Ich habe tags darauf, als ich die Ditte vom Kindergarten abgeholt habe, einen Blick auf die ominöse Liste geworfen. Untereinander standen die Namen aller Kinder der Gruppe und daneben jeweils ein freies Feld, in das eingetragen werden konnte, was die jeweilige Mutti mitbringen wollte. Ich hab‘ mich mal nicht eingetragen, denn da stand schon so viel drauf, dass man damit problemlos eine Hochzeitsgesellschaft mit knapp zweihundert Gästen hätte versorgen können.

Na gut, so ganz ohne mitgebrachtes Essen bin ich dann doch nicht hingegangen. Ich habe eine paar Äpfel geschält und in handliche Stücke geschnitten und noch eine Tüte Gummibärchen dazu gepackt, um meinen guten Willen zu zeigen.

Hätte ich da schon gewusst, was ich heute weiß, dann hätte ich sicherlich einiges anders gemacht.

Zuerst einmal hätte ich gewusst, dass unsichtbar hinter der Tür eine Liste hängen wird. Ich hätte mich als Erste in diese Liste eingetragen. Ich hätte bereits zu Beginn des Kindergartenjahres neue Ausstechformen gekauft. Ich hätte einen ganzen Nachmittag im Supermarkt … äh, Biomarkt, natürlich … verbracht, um das Beste einzukaufen. Ich hätte mich den gesamten nächsten Vormittag damit beschäftigt, niedliche Pilze, Blümchen oder sonstwas aus sorgfältig in Scheiben geschnittenem Obst, Wurst, Käse oder gar Brot auszustecken. Daraus hätte ich winzige appetitliche Häppchen kreiert, die ich auf einem gewaltigen silbernen Tablett drapiert hätte, zwischen saftigen Weintrauben, Käseherzchen und Paprika-Rauten.

Leider habe ich nicht gewusst, dass die Veranstaltung ein Schönheitswettbewerb für Essen ist.

Ach ja, die Gummibärchen waren weg wie nix, dafür habe ich mir eine Menge missbilligende Blicke eingefangen. Und ich fürchte, ich werde das nächste Mal auch nicht den ersten Preis für die Schönste Platte absahnen. Nicht, weil ich nicht könnte, sondern weil es mir an zwei wesentlichen Voraussetzungen dafür fehlt: Zeit und Lust.

 

Sep 222011
 

Heute holte ich die Ditte vom Kindergarten ab. Wir waren schon auf dem Weg nach draußen, da trat uns ein kleines Mädchen in den Weg. Naja, klein trifft es nicht ganz, denn im Vergleich zur Ditte war das Mädchen eine Riesin, und vermutlich auch ein paar Jahre älter.

Die große Kleine erklärte mir, dass sie eine Freundin von Ditte wäre und sie gern besuchen möchte. Ich warf einen prüfenden Blick auf mein eigenes Kind, das völlig unbeteiligt neben mir stand und so tat, als würde sie das Gespräch gar nichts angehen.

Freude das andere Mädchen zu sehen? Nein, definitiv nicht.

Versuche von Kontaktaufnahme? Kein Stück.

Eine eventuelle Rückmeldung wie „Oh ja, die [Namen des Mädchens hier einsetzen] soll mich besuchen kommen“. Erst recht nicht.

In diesem Augenblick rannte ein käsiger Junge mit wüsten Haaren an uns vorbei, der von Kopf bis Fuß vor Dreck stand.  „Der Lorenz ist das.“ Die Ditte zeigte mit dem Finger auf den Jungen, der laut vor sich hin plappernd ins Bad stürmte und dort Wasser aufdrehte.

„Der wäscht sich die Hände, der Lorenz“, folgte der Kommentar von rechts unten neben mir.

Ich wandte mich wieder dem Mädchen zu und fragte es nach seinem Namen, habe ihn aber wegen reichlich undeutlicher Aussprache nicht verstanden, außerdem habe ich noch keine Ahnung, wie die Kinder in Dittes neuer Gruppe heißen, denn bisher war immer nur die Rede von Lorenz.

Ich blieb bei einem vagen „Kannst ja mal kommen“, wieder mit Blick zur Ditte, die nun aufgeregt erklärte, dass der Lorenz gerade dabei war Seife zu nehmen.

Im Auto fragte ich dann nach.

„Das Mädchen, war das eine Freundin von dir?“

„Ja, eine Freundin.“

„Wie heißt sie denn.“

„Weiß ich nicht.“

Während ich darüber nachdachte, fiel mir ein, dass ich als Mutter hier in vielerlei Hinsicht Neuland betrat.

Besuch hatten wir noch nicht besonders oft, wenn dann war immer die Mutti mit dabei. Aber ein Kind allein…

Backe ich Kuchen für andere Kinder, obwohl ich für mein eigenes fast nie Kuchen backe? Werden sie meinen Mann bei der Arbeit stören? Was würden sie gemeinsam spielen, wenn sich die Ditte schon jetzt nicht für sie interessiert? Werden sie sich langweilen?

Und sollte ich nicht zumindest wissen, wie das Kind heißt und wo es wohnt? Oder gar die Telefonnummer der Eltern in der Tasche haben, falls dem Mädchen langweilig wird?

Und was habe ich früher eigentlich mit meinen Freundinnen gespielt, wenn ich sie besucht habe oder sie zu Besuch kamen?

Kindergartenfreundschaften waren für mich bisher immer etwas völlig Unkompliziertes, aber da habe ich die Sache auch aus einem anderen Blickwinkel gesehen. In nächster Zeit werde ich wohl einige neue Erfahrungen in Sachen Kindergartenfreundschaften machen, auch wenn es nicht meine Freunde sind.

(Bild gefunden bei Horia Varlan, flickr)

Sep 192011
 

Liebe und Zuneigung sind schon etwas Eigenartiges, besonders die von Kleinkindern.

 

Als die Ditte in die Krippe kam, hat sie sich bald mit einem Jungen angefreundet.

„Mein Moritz, mein Freund“, nannte sie ihn.

Er mochte Disney Cars, war ein wilder Draufgänger mit blondem Strubbelkopf und, wenn er gewickelt wurde, war die Ditte dabei und umgekehrt. Eine ganz besondere Liebe, die ich heimlich „Wickelliebe“ genannt habe. Gegenüber der Ditte hätte ich das niemals so nenne dürfen, denn sie hätte ihren Moritz bis aufs Letzte verteidigt, und “Wickelliebe” ist im Zweifel eine Beleidigung.

Eine ganz besondere Liebe, dachte ich.

 

Nun ist die Ditte seit etwa einer Woche bei den „Großen“ im Kindergarten. Moritz ist dank der weisen Voraussicht der Erzieherinnen in Dittes Gruppe gelandet, zusammen mit dem Rest ihrer kleinen Bande.

Also alles in Ordnung, dachte ich.

Wenn da nur nicht die Liebe wäre, dieses flüchtige, flatterhafte Ding.

Denn während Moritz mit den neuen Autos spielte, saß die Ditte am Tisch und spielte „Tempo, kleine Schnecke“. Die Regeln erklärte ihr Lorenz. Und Lorenz kann auch ganz toll Puzzles zusammenbauen. Und kennt sich in der neuen Kindergartengruppe ganz toll aus, weil er da schon länger ist. Und überhaupt scheint dieser Lorenz ein ganz toller Typ zu sein.

 

Als ich die Ditte fragte, wer denn ihr Freund sei, sagte sie ganz selbstverständlich:

„Der Lorenz.“

Und was ist mit dem armen Moritz?

Der interessiert nicht mehr. Abgeschossen, nach nur einer Woche in der neuen Gruppe.

Armer Moritz.

 

(Bild gefunden bei Julia Voßhenrich, flickr)