Mai 102012
 

Sprechen beibringen? Das klingt schwierig. Kann es aber eigentlich gar nicht sein, schließlich stammen wir aus einer langen Reihe von Leuten, die alle irgendwie mit dieser Kinder-Sache und dem Sprechenlernen klargekommen sind. Das ist ein tröstlicher Gedanke, an den man sich in kritischen Situationen klammern kann…

 

Die ersten 12 Monate: Baby talk

“Hei-tei-tei, wen haben wir denn da?”
“Guzzi-guzzi, wo ist denn das Mäuschen?”

Dazu noch eine höhere Tonlage, ein leicht lallender Sing-Sang. Ja, das lässt sich in allen Sprachen und Kulturkreisen beobachten. Für das kleine Kind ist die ständige Wiederholung und das Gewöhnen an die Intonation toll. Es merkt, wie sich Sätze anhören, es fühlt sich angesprochen, und es kann durch seine Reaktionen sogar beeinflussen, was der Gesprächspartner sagt. Nämlich noch einmal “Kuckuck?-Daaaa”, wenn es lacht. Das Kind lernt, Stimmen von anderen Geräuschen zu trennen, und kann schon nach vier Monaten gut genug Lippenlesen, um zwischen unterschiedlichen Sprachen zu unterscheiden.

 

 

Das zweite Jahr: Scaffolding

Gerüstbau. Das Allerwichtigste beim Lernen ist es, dem Lerner eine Stütze zu sein, ohne ihn festzuhalten. Das gilt auch beim Sprechenlernen, und auch das machen Eltern sofort richtig:

“Mamm-mamm” – “Ja, das schmeckt dir. Hmmm-mamm-mamm.”
“Blooo” – “Du magst ein Broooooot? Hier, schau.”

Auch das Zeigen von Neuem machen wir alle gleich.

- Wir checken kurz ab, ob das Kind aufnahmefähig ist. Das erkennen wir an Gestik und Mimik, da sind wir schon gut drin, immerhin haben wir im ersten Jahr stundenlang unser Kind angesehen.

- Wir fordern die Aufmerksamkeit ein: “Schau mal.”

- Wir binden das Kind ein: “Na, was ist denn das?”

- Wir lassen eine geduldige Pause. Wirklich. Fast schon so lange, wie Jauch seinen Kandidaten lässt.

- Wir lösen auf: “Der Teddy ist das.”

- Wir wiederholen es, denn wiederholen hilft. Vielleicht mit einem Nicken dabei: “Jaaa, der Teddy.”

 

 

Das dritte Jahr: Feintuning

Das Kind kann jetzt schon einen Haufen Wörter, aber die Grammatik ist die nächste Hürde. Klar, wir reden in einfachen Sätzen mit dem Kind. Aber wir unterstützen es auch weiter:

“Ball ist in die Kiste” – “Ja, der Ball ist in der Kiste.” Wir sind Sprachmodell für unser Kind, wir bringen ihm Grammatik bei. Und das, ohne vorher ein Ratgeberbuch zum Spracherwerb gelesen zu haben.

Magie.

 Quellen:

Dr. Gerolf Renner, “Testbesprechung AWST-R. Aktiver Wortschatztest” in Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 38, http://www.testzentrale.de/programm/media/catalog/Test/0403801_p.pdf

 Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Doris Wittstadt: “Frühe Sprachentwicklung”,  http://www.landkreis-wuerzburg.de/PDF/ZW_Fr%C3%BChe_Sprachentwicklung.PDF?ObjSvrID=1755&ObjID=1583&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=1329404714

W. v. Suchodoletz, S. Kademann & S. Tippelt: “SBE3-KT-Handbuch”, http://www.kjp.med.uni-muenchen.de/download/SBE-3-KT_Handbuch.pdf

 

 

Mai 062012
 

Schlafender Teddybär

Viele Kinder träumen davon, die Nacht bei ihren Eltern im Bett zu verbringen.

Manchmal, weil sie wegen der Monster im Schrank oder der bösen Tiere in der Schublade, hinter der Tür oder sonstwo nicht mehr einschlafen können. Manchmal, weil  sie die Nähe und Wärme ihrer Eltern suchen. Manchmal, weil sie gerade aufgewacht sind, und ein wenig Unterhaltung haben wollen.

Der nächtliche Besuch im Bett ist mehr oder minder erträglich, je nachdem ob der kleine Gast ruhig schläft oder nicht.

 

In den ersten beiden Lebensjahren wollte Ditte nicht in unserem Bett schlafen. Sie konnte es nicht einmal, denn in meiner Nähe war sie zu hibbelig, als dass sie die nötige Ruhe gefunden hätte. Aber seit einiger Zeit, anfangs nur sehr selten und mit wichtigem Anlass – der Löwe im Spielhaus oder wenn sie krank war – , wollte sie bei uns im Bett schlafen. Mit zunehmender Häufigkeit.

Die zunehmende Häufigkeit mag auch daher kommen, dass sie aus der einmaligen Erlaubnis eine Art Gewohnheitsrecht ableitet.

Ich bin hin und her gerissen.

Denn einerseits ist es unglaublich schön. Wenn sie mit strahlenden Augen neben mir liegt, am sichersten Ort, den sie sich vorstellen kann, und sich morgens umsieht, ob wir noch alle da sind.

Andererseits ist sie oft ein sehr unruhiger Gast, der seine Füße gern mal in anderer Leute Gesicht steckt oder mitten in der Nacht etwas zu trinken will. Die Nächte sind dann nicht wirklich erholsam, und eine echte Qual, wenn man früh raus muss. Dann fühle ich mich an die erste Zeit mit ihr erinnert, als sie noch regelmäßig nachts aufwachte, weil sie hungrig war, und tiefe Augenringe mein auffälligster Schmuck waren.

Und natürlich mache ich mir auch Gedanken über den Anlass der nächtlichen Besuche. Mein Mädchen, das eigentlich so selbständig ist, kommt nachts zu uns ins Bett, obwohl es das früher nicht gemacht hat. Was ist das?

Ein Rückschritt?

Muss ich mir Sorgen machen, weil sie nicht allein schlafen kann oder will? Sollten wir das unterbinden, um ihr die Möglichkeit einer selbständigen Entwicklung zu geben?

 

Ein paar beruhigende Zahlen, die im Rahmen einer Langzeitstudie erhoben wurden, habe ich in Remo Largos Buch Babyjahre gefunden. Dabei wurde untersucht, wie viele Kinder mindestens einmal wöchentlich im Bett der Eltern schlafen.

Während im ersten Lebensjahr etwa zehn Prozent der Kinder gelegentlich, davon knapp fünf Prozent jede Nacht im Elternbett schlafen, erhöht sich die Zahl der Elternbett-Schläfer bis zum Alter von vier Jahren. Im Alter von vier Jahren schlafen 38 % aller Kinder mindestens einmal wöchentlich im Elternbett, etwa 12 % davon sogar jede Nacht. Ab fünf Jahren nimmt die Kurve wieder ab. Mit einem Alter von elf Jahren sinkt die Zahl der Kinder, die manchmal im Elternbett schlafen wieder unter zehn Prozent.

Dass Kinder im Elternbett schlafen, ist nicht ungewöhnlich. Dass das im Alter zwischen drei und fünf Jahren auch Kinder machen, die vorher gut allein schlafen konnten und wollten, ist also auch kein Grund zur Sorge.

Irgendwo im Internet – ich habe mir leider nicht gemerkt, wo – habe ich die These eines Wissenschaftlers gelesen: Kleinkinder kommen häufiger nachts zu ihren Eltern ins Bett, bevor sie selbstständiger werden und sich ein Stück weiter von ihren Eltern ablösen. Er folgerte daraus, dass sie Nähe tanken würden, bevor sie einen weiteren Schritt in die Ferne wagen.

Das, finde ich, ist eine schöne Vorstellung, die mich die ruhelosen Nächte mit Kinderhänden im Gesicht leichter ertragen lässt.

 

Testmama hat für ihre Aufgabe im Mai mit dem Thema “Kinderträume” wieder tolle Sponsoren gefunden, und zwar diese und diese.

Dez 082011
 

Kinderlose haben sich vermutlich noch nicht viele Gedanken darüber gemacht, wie Wachstum und Entwicklung bei kleinen Menschen eigentlich funktioniert. Bis Ditte zur Welt kam, war ich auch der Meinung, dass Kinder einfach so wachsen und dazu lernen. Seither haben wir dazu gelernt: Wachstum und Entwicklung bei Kindern läuft nicht gleichmäßig, sondern in Schüben.

In der ersten Zeit kann man die Schübe zeitlich noch relativ gut festmachen. Es gibt auch Bücher und Internetseiten, die sich mit den Zeiträumen der ersten Entwicklungsschübe beschäftigen. Gerade als wir noch unsicher waren im Umgang mit unserem Kind, hat es uns sehr geholfen zu wissen, dass Ditte nun anders – meist ziemlich knatschig – ist, weil sie sich eben entwickelt. Man konnte meist auch nachlesen, was das Kind denn Neues lernen sollte, und in den meisten Fällen hat Ditte zur beschriebenen Zeit auch den entsprechenden Fortschritt vollzogen. Wir haben uns gern nach dieser Seite orientiert. Die hat für uns gut gepasst.

Das klappte im ersten Halbjahr toll, danach wurde es ein wenig unzuverlässig, da die kindliche Entwicklung nun mal bei jedem Kind ein wenig anderes verläuft. Manche sind schneller, manche langsamer, einige sprechen erst, andere krabbeln früher und wieder andere sind unglaublich geschickt mit ihren Händen, liegen aber am liebsten still herum.

Und spätestens im zweiten Lebensjahr ist es ohnehin vorbei mit der genauen zeitlichen Eingrenzung der Entwicklungsschübe. Was aber bleibt, ist die schlechte Laune nach einem Entwicklungsschub – bei der Ditte zumindest. Ist aber auch kein großes Wunder, denn plötzlich etwas Neues zu können, ohne genau zu verstehen warum, das muss schon ziemlich beängstigend sein. Ein so kleines Kind kann diese Veränderung ja auch nicht verstandesmäßig ergründen, sondern nimmt sie einfach nur wahr.

Was kleine Kinder in diesem Alter auch nicht können: sich zusammenreißen. Sie sind einfach so wie sie sind, ohne die Möglichkeit sich zu verstellen oder ihre Launen zu verstecken. Klar, das kann den Eltern manchmal mächtig auf den Keks gehen. Mir hilft es dann, mir klar zu machen, dass Ditte nicht absichtlich oder aus bösem Willen, um mich zu ärgern, so ist, wie sie gerade ist, sondern weil sie einfach überfordert ist. Was sie dann braucht – und da sind wahrscheinlich alle kleinen Kinder gleich – : besonders viel Zuwendung, besonders viele Streicheleinheiten und besonders liebe Worte, trotz ihrer Zickigkeit und Kratzbürstigkeit und obwohl es mir manchmal schwer fällt.

Denn wer nimmt schon gern einen knatschiges kleines Wutmonster in den Arm, das sich die letzten paar Minuten schreiend und heulend am Boden gewälzt hat? Aber genau das ist es, was das kleine Wutmonster eigentlich braucht, also zumindest unseres.

Das Gefühl, dass es in dieser sich ständig verändernden, immer wieder fremden Welt einen Platz gibt, an dem alles bleibt wie es ist: In Mamas Arm.

Okt 112011
 

Sprachtheorien gehen in den letzten Jahren in diese Richtung: Eine black box, ein language acquisition device, so etwas soll es im Gehirn jedes Menschen geben. Eine Gehirnregion, oder – noch weniger fassbar, und damit scheinbar noch wichtiger – das ganze Gehirn ist zuständig für das Sprechenlernen. Ganz klar: messen und beobachten kann man Gehirnaktivität nicht – und die Lieblingsmännerforschungsmethode (auseinandernehmen, schauen wie’s funktioniert, und dann wieder zusammenbauen) funktioniert auch nicht. Sprechen als emergente Fähigkeit der grauen Masse da oben. Die Nervenzellen befunken sich gegenseitig, der Mandelkern schwingt im Takt mit und beträufelt alles sanft mit Neurotansmitter-Botenstoffen, damit das Lernen auch richtig Freude macht.

Eine Universalgrammatik soll jedem Menschen angeboren sein, ein Sprachgefühl, eine Prädisposition für das Reden. Chomsky hat’s gesagt, also muss es stimmen. Nichts merkt sich ein Kinderhirn besser als Pluralformen, Fälle, Satzstrukturen und Verbflexionsregeln. Wie genau, das ist noch unklar, deswegen ja das Bild von der black box – was drin passiert, wissen wir nicht, wir wissen nur: Kinder können sehr einfach sprechen lernen.
Hab’ ich so im Studium gelernt, hab’ ich so in Büchern gelesen und in Vorträgen gehört. Grammatik lernen – es geht automatisch, es ist natürlich, es ist geradezu ein Wunder.

Und dann kommt unser kleiner linguistischer Bulldozer und ebnet die Unebenheiten der Sprache mit einem bezaubernden Lachen, kindlicher Unbeschwertheit und der Unbarmherzigkeit eines Presslufthammers ein.

“Wollma ein Pulli mitnehmt?”

Ja, natürlich wollen wir einen Pulli mitnehmen, und es ist ja auch toll, dass die Kleine schon selbst Ersatzklamotten für einen Nachmittag einpacken kann. Brauchen wir ja auch oft genug, wenn sie über Vanillesoße, Kuchen oder Eis herfällt. Aber nach fluffiger Leichtigkeit im Grammatiklernen klingt der Satz nicht.

Wir Eltern finden’s trotzdem toll – nur tief in mir regt sich die Frage, ob die Forschung und Wissenschaft nicht ein bisschen arg optimistisch war mit ihrem ganzen “das geht allein” und “das ist nicht so schwer”.

Sep 272011
 

“Babyjahre” ist kein Ratgeber – das mal als Warnung vorneweg.

„Wenn Dein Kind dies macht, dann solltest Du wie folgt darauf reagieren“ gibt es nicht. Auch keine pauschalen Ratschläge oder Erziehungstipps. Wer nach so etwas sucht, braucht an dieser Stelle gar nicht erst weiter zu lesen.

 

Das Buch Babyjahre (hier zu kaufen: Babyjahre bei Amazon) ist ein Buch für Eltern, das die Entwicklung von Kindern in den ersten vier Jahren beschreibt. Wie man an dem mehrere Seiten umfassenden Literaturverzeichnis unschwer erkennen kann, handelt es sich um ein wissenschaftliches Buch, das aber dennoch gut lesbar ist.

Remo H. Largo ist langjähriger Kinderarzt, Vater und Großvater. Während seiner Zeit als Leiter der Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ am Kinderspital Zürich führte er eine Langzeitstudie über die kindliche Entwicklung durch. Seine Forschungsergebnisse und seine beruflichen Erfahrung sind in das Buch eingeflossen.

Die Essenz daraus: Jedes Kind ist ein wunderbares einzigartiges Wesen, das es verdient individuell behandelt zu werden.

 Beruhigung durch Information

Babyjahre ist in verschiedene Kapitel gegliedert, die sich beispielsweise mit Motorik, Schlafverhalten und Wachstum beschäftigen, die wiederum altersmäßig unterteilt sind. Dadurch eignet es sich ausgezeichnet als Nachschlagewerk, denn man findet schnell die gesuchten Informationen.

Zum Beispiel die Information, dass ein etwa sechs Wochen altes Kind im Durchschnitt knapp zweieinhalb Stunden täglich schreit. Das in einer Grafik zu sehen, war für uns damals eine sehr große Erleichterung, weil es uns vor Augen geführt hat: Das ist ganz normal.

In vielen Situationen, in denen wir sorgenvoll zu dem Buch gegriffen haben, um nachzulesen, ob mit unserem Kind alles in Ordnung ist, erhielten wir die beruhigende Antwort: Es ist ganz normal.

Das Kind krabbelt nicht, sondern robbt komisch am Boden? Ganz normal. Manche Kinder machen das. Manche lassen Krabbeln direkt aus, einige schlängeln, robben oder rollen statt zu krabbeln oder kabbeln erst danach. Alles ganz normal.

Auch, dass manche Kinder schon mit acht Monaten gehen können, andere erst mit 20.

Das Kind ist schon zwölf Monate und sagt noch nicht „Mama“ und „Papa“? Das tun in diesem Alter noch nicht mal 60 % aller Kinder.

 

Aber das Buch bietet noch mehr als Erkenntnisse darüber, ob die Entwicklung des eigenen Kindes normal verläuft. Es erklärt beispielsweise wie der kindliche Schlaf funktioniert. Wie viel Schlaf ein Kind in welchem Alter braucht, wieso es manchmal sinnvoll ist, ein Schlafprotokoll zu führen, und woran es liegen kann, dass ein Kind nachts nicht schläft.

Dank der Erkenntnisse aus dem Buch konnten wir Dittes Schlafverhalten soweit an unsere Lebensbedürfnisse anpassen, dass wir alle damit zufrieden sind. Auch aus vielen anderen Bereichen des Buchs haben wir wertvolle Anregungen gewonnen, interessante Dinge über unser Kind und dessen Erfahrungshorizont und Entwicklung erfahren.

 

Nächstes Jahr wird die Ditte vier. Bis dahin werden wir uns eine Ausgabe von „Kinderjahre“, ebenfalls von Remo H. Largo anschaffen, denn auf sein Fachwissen wollen wir auch in Zukunft nicht verzichten.

Unser Kind ist einzigartig und trotzdem ganz normal!

 

 

Sep 202011
 

Die Fragen “Wie viele Wörter sollte mein Kind können?” oder “Kann mein Kind genug Wörter sprechen?” beschäftigen früher oder später alle Eltern von Babys und Kleinkindern. Deswegen sind hier dier wesentlichsten Fakten zum Spracherwerb und Sprechenlernen von 0 bis 24 Monaten aus dem Buch von W. und J. Butzkamm “Wie Kinder sprechen lernen” zusammengefasst in einer Infografik:

Detaillierter – aber auch beruhigender – haben wir die Rolle der Eltern beim Spracherwerb im Artikel“Wie man seinem Kind das Sprechen beibringt” zusammengefasst. Und noch mehr Details zur Erziehung von Kleinkindern findet sich zum Beispiel bei Remo Largo.