Über ungelegte Eier – oder: Schwangerschaft und Wissenschaft (Teil 2)

Wir dürfen verreisen, aber bitte nicht in den ersten und den letzten drei Monaten. Auf längere Flüge sollten wir am besten ganz verzichten.

Wir dürfen Rad fahren, sollen aber wegen der Verletzungsgefahr lange Touren vermeiden. Und warum warnt niemand vor den Gefahren im Haushalt? Denn es verletzen sich deutlich mehr Menschen beim Fenster putzen als auf einer Radtour.

Die hochhackigen Schuhe bleiben zu Gunsten der Bauch-Baby-Gesundheit bitte auch im Schrank. Angeblich verschlechtert sich die Versorgung des Babys, wenn die künftige Mama Stöckelschuhe trägt.

Schwimmen gehen dürfen wir schon, aber nur in bis zu 25 Grad warmem Wasser. Anderswo werden körperwarme Bäder speziell für Schwangere angeboten. Mit Massage und dem klingenden Namen Watsu (warum habe ich das eigentlich nicht ausprobiert?). Haben die Anbieter nicht gelesen, dass Schwangere auf Massagen verzichten sollen und stattdessen lieber Yoga machen?

Und wäre es angesichts der zahlreichen lauernden Gefahren nicht sicherer, sich einfach für den Rest der Schwangerschaft zu Hause einzusperren und sich zur Sicherheit des Kindes ein paar schützende Polster um den Bauch zu binden?

Auch unsere Körperpflege sollen wir weitgehend vernachlässigen in der Schwangerschaft. Abgesehen vom eingeschränkten Sportprogramm sollten wir Haartönungen nicht im ersten Drittel der Schwangerschaft durchführen lassen, das Solarium meiden und Sauna höchstens nach Rücksprache mit dem Arzt und mit schlechtem Gewissen besuchen. Und bitte keinesfalls Fußreflexzonenmassage oder Peeling mit Glykolsäure. Wenigstens wird an anderer Stelle auch von der Verwendung scharfer Putzmittel abgeraten, da diese angeblich das Erbgut des Ungeborenen schädigen können.

 

Das Schlimmste sind die Ratschläge zur Ernährung.

Wir sollen auf Kaffee, Cola und wenn möglich Schwarztee verzichten, Thunfisch, Schwertfisch, Rotbarsch und Heilbutt meiden. Die Listen der Kräuter, die während der Schwangerschaft gefährlich sein könnten, sind meterlang und umfassen beinahe das gesamte heimische Gewürzregal. Bei Allergien in der Familie lassen sich die Verbote und Einschränkungen noch beliebig erweitern, beispielsweise um Kuhmilch, Eier, Nüsse, Erdbeeren, Tomaten und Kiwis.

Aber bitte auf keinen Fall unausgewogen ernähren!

Wie denn? Wenn man kaum etwas ohne schlechtes Gewissen essen darf?

Und habt ihr mal die Warnhinweise auf manchen Kräutertees gelesen, die in der Schwangerschaft ach so gesund sein sollen?

 

Dann kommt ihr Wissenschaftler an und erklärt uns, dass das alles in irgendeiner Form Einfluss auf unser ungeborenes Kind hat. In welcher wisst ihr selbst nicht. Das wird sich vielleicht irgendwann einmal herausstellen.

Dann wird mein Kind sich bei mir beschweren: „Mama, du bist Schuld daran, dass ich Neurodermitis habe, weil du während der Schwangerschaft nicht auf Honig, Eier und Weizenmehl verzichtet hast. Dass mein IQ nicht über 160 liegt, kommt bestimmt, weil du dir in der Schwangerschaft die Haare gefärbt hast. Und überhaupt bist du in Urlaub geflogen und hast dir keinerlei Gedanken über die Strahlung gemacht, die nun dafür sorgt, dass ich eine Brille brauche.“

Oder es wird sagen: „Weil du dir wegen dieser ganzen Vorschriften und Ver- und Gebote so einen Stress gemacht hast, leide ich jetzt unter ADHS.“

Deshalb, werte Wissenschaftler, lasst die kryptischen Weissagungen bleiben und werdet mal ein wenig konkreter, damit wir während der Schwangerschaft nicht unter permanenter Panik leiden durch unser Verhalten dem Bauch-Baby bei seiner körperlichen oder geistigen Entwicklung zu schaden.

 

Anfang verpasst? Den gibt es hier: Über ungelegte Eier – oder: Schwangerschaft und Wissenschaft

Dieser Artikel bezieht sich auf den Spiegel-Titel „Die Geburt des Ich“ der Ausgabe 25/2012 und auf eine Reihe von Internetseiten, die ich aufgrund der teilweise sehr schrägen Inhalte nicht durch einen Link unterstützen möchte. Sollte Interesse bestehen, gebe ich die Recherchedaten gern per email weiter.

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