Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, dieses „Mein Kind kann schon…“.

Den Satz habe ich schon viel zu oft gehört, denn irgendwie scheint einigen Müttern genau das unglaublich wichtig zu sein.

Es sind auch nie die Väter, die damit anfangen, obwohl Männer sich manchmal gern mit anderen messen.  Wahrscheinlich haben Männer vielfältigere Möglichkeiten ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, als Frauen, die zu Hause sitzen und dort ein Baby oder Kleinkind hüten. Die haben ja praktisch keine andere Wahl als ihre eigenen Zuchterfolge in den Vordergrund zu rücken.

Erstmals bewusst wahrgenommen habe ich die „Mein Kind kann“-Sache, als eine stolze Mama in der Krabbelgruppe berichtete, dass ihr Tim mit eineinhalb Jahren bereits ins Töpfchen pinkeln kann. Donnerwetter, dachte ich, während der in höchsten Tönen gelobte kleine Mann damit beschäftigt war, den anderen Kindern aus der Gruppe ordentlich auf die Glocke zu geben. Und irgendwie schwankte ich zwischen „Ich wünschte wir bräuchten auch keine Windeln mehr zu wechseln“ und „Wieso ist es nicht mein Kind, das diesen tollen Trick kann“.

Es folgten verschiedene andere „Mein Kind kann schon…“ und „Mein Kind hat schon…“- Statements. Die Highlights:

„Mein Kind hat mit eineinhalb Jahren schon eine Nintendo 3DS und spielt darauf …“

„Meine Susi hat mit drei Jahren Ohrlöcher gestochen bekommen.“

„Mein Kind ist wahrscheinlich hochbegabt. Ich werde das bei dem nächsten Mensahochbegabtentreffen testen lassen.“

Und als ich mich mit der Mutter des kleinen Frederick unterhielt, erzählte die mir auch ein paar interessante Dinge.

Beispielsweise, dass der Frederik im zarten Alter von drei Jahren großes Interesse an Zahlen hat.

Oder dass er seinen Namen mit Magnetbuchstaben legen kann.

Oder dass er gern chinesisch lernt und sogar schon einige Sätze spricht.

Ich habe tapfer versucht dagegen zu halten, aber gegen Chinesisch war ich wirklich chancenlos.

Jetzt sitze ich hier, in einem Haufen aus Pappkarton ausgeschnittener Buchstaben, mit denen ich versuche, Ditte ihren Name beizubringen. Sie kann ihn immer noch nicht lesen. Wenn ich sie frage, wie ein Buchstabe auf einem Pappkärtchen heißt, antwortet sie meist „neun“, gelegentlich auch „drei“. Ihr größter Spaß ist es, die Buchstaben durcheinander zu werfen.

Und ich beginne langsam zu ahnen, dass  „Mein Kind kann schon…“ ein ganz verhängnisvoller Pfad werden könnte.

Vielleicht sollte ich mich auf die essentiellen „Mein Kind kann schon…“ besinnen:

Mein Kind kann schon unglaublich tolle Dinge erfinden.

Mein Kind kann jeden Tag von Mama und Papa umarmt und geherzt werden.

Mein Kind kann ausgelassen und fröhlich lachen.

 

(Bild gefunden bei jakeandlindsay, flickr)

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  17 Responses to “Schneller, größer, weiter oder “Mein Kind kann schon…””

Comments (14) Pingbacks (3)
  1. Sätze die mit “Kann dein Kind… ?” sind auch beliebte Klassiker. Habe so einen ähnlichen Artikel letztens auch geschrieben. Ich denke damit wird jeder einmal konfrontiert werden

    http://finestdads.blogspot.com/2011/09/normal-0-21-false-false-false-de-x-none.html

    Kinder sind so unterschiedlich – man kann sie nicht vergleichen!

  2. … mein Kind kann schon ausgelassen spielen und muss nicht von Termin zu Termin hetzen ;-)

  3. Meine Kinder können hervorragend Kind sein, die lautesten Wutanfälle produzieren, das größte Chaos im Wohnzimmer hinterlassen und einen prall gefüllten Kühlschrank innerhalb von zwei Tagen komplett leer essen, ohne sich zu übergeben. Außerdem lernen sie die Dinge, die sie fürs Leben benötigen, mit ein klein wenig Input von außen in der Regel von ganz allein, wenn die Zeit dafür reif ist. (ich weiß, das wollen die Krabbelgruppenmütter nicht hören, aber man sollte beizeiten aussteigen aus diesem “Mein Kind kann schon”-Spiel, das führt zu nichts außer zu seelischer Verstörung auf allen Seiten ;-) )

  4. Ganz schlimm, diese Eltern und die armen Kinder. Meine Beiden sind schon eine Weile aus dem Kleinkindalter raus, aber diese Tendenzen gab es vor 10 Jahren auch noch. Wenn ich das hier lese, ist es anscheinend noch schlimmer geworden.

    LG

  5. Meiner Meinung (und Erfahrung) nach sind Kinder, die mit 3 Jahren erfinden, kuscheln und lachen können, glücklicher als die, die chinesisch, die Quadratzahlen und rückwärts Rad fahren können! ;-)

  6. Ach weißt du, mach dir nichts daraus was andere Kinder schon können, den deine letzten Sätze sind eh die wertvollsten

    „Mein Kind kann jeden Tag von Mama und Papa umarmt und geherzt werden.

    Mein Kind kann ausgelassen und fröhlich lachen.“
    Und aus Erfahrung kann ich dir sagen, dass wenn deine Kinder oder dein Kind mal so groß wie meine sind 10,18 und 20 Jahre, fragt kein Mensch mehr, wann sie ins Töpfchen gemacht haben, wann sie gelaufen sind und auch nicht wann sie ihren Namen endlich lesen konnten.
    Alles kommt zu seiner Zeit, der eine braucht länger als der andere , aber es kommt, das verspreche ich dir und ich habe diese über Muttis auch immer gehasst :)

    Grüße Beate

  7. Vielen Dank für Euren Zuspruch. Bin sehr beruhigt, dass Ditte nicht gleich morgen Einradfahren lernen muss.

  8. Bei uns im Ort gibt es tatsächlich Kinder, die hetzen vom Gitarrenunterricht zum Spanisch, lernen außerdem Klavier und zur Leichtathletik geht es bitteschön auch noch!
    Wo bleibt da das Kind sein? Sich mit gleichaltrigen lustige Sachen ausdenken? An der frischen Luft rumlaufen, auch mal hinfallen dabei, sich dreckig machen?!
    Wir gehen einmal in der Woche eine Stunde zum Kinderturnen und die Kinder freuen sich darauf. Bis vor einem halben Jahr musste ich als einzige Mutter auch immer noch mit in den Kreis, weil mein Sohn, mit damals fast fünf, nicht alleine wollte. Jetzt macht er das und ist stolz dabei! Klar war das nervig, aber ich freu mich, dass er sich jetzt traut! Und wie Beate schreibt – es fragt später kein Mensch mehr danach!
    Viele liebe Grüße,
    Caramellita

  9. Hmmmm….. klar, das kann nerven…. aber manchmal glaube ich, sind es einfach nur Stolz und Liebe zum Kind, die eine Mama solche Sätze sagen lässt. Sie will sich damit womöglich eigentlich gar nicht in den Vordergrund drängeln oder einen imaginären Boxring eröffnen, sondern einfach nur “was Schönes erzählen”. Ich will nicht sagen, dass es Mamas / Eltern mit solchen Motivationen wie die beschriebenen nicht gibt, die gibt es sicherlich, aber vielleicht müssen wir auch aufpassen, dass wir nicht alle solche Aussagen in den selben Kessel werfen… ich habe mich selber schon dabei ertappt, einer anderen Mama stolz zu erzählen, was das eine oder andere meiner Kinder seit neuestem kann/wuppt/hinbekommt etc. Und habe mich hinterher dafür geschämt, obwohl ich es gar nicht “so” gemeint habe. Und wenn ich mir es genau überlege, finde ich, eigentlich sollte man schon stolz sein dürfen auf seine Sprösslinge. Ist doch schade, dass man sich dafür schämen muss.

    • das ist ein guter gedanken… mir fällt ein, dass ich auch gerne erzähle, was der kleine riesensohn für gedanken hat. ich finde die einfach so wahnsinnig beeindruckend. die eltern seiner kleinen freunde machen das auch… hm. aber die kinder, die an drei nachmittagen termine haben, kenne ich auch. deine letzten sätze finde ich wunderschön. ganz liebe grüße, mara
      ps ach, und brüsten konnte ich mich mit dingen wie “er läuft schon” nie… alles war später dran als beim kumpelchen, es steht sogar irgendwo entwicklungsverzögert irgendwo… bei den zwillingen bin ich viel lockerer.

  10. :-) Meine Kinder können natürlich noch viel mehr.
    Klasse geschrieben.

  11. Ich nenne das immer “Eltern-Olympiade”. Weil es eben tatsächlich nicht ums Kind, sondern um die Beflügelung des Egos der Eltern geht.

  12. Erinnert mich so ein bisschen an die Folge bei den Simpsons, in der es um Helikopter-Eltern ging: die permanent ihre Kinder umkreisen und fordern.
    Ganz,ganz schlimm.

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