Der Fünf-Minuten-Fehler
Inzwischen habe ich mich ganz gut unter Kontrolle, aber früher ist er mir öfter passiert, der Fünf-Minuten-Fehler.
Das ist auch kein Wunder, denn die fünf Minuten kreuzen häufig meinen Weg.
Meist als Antwort auf Fragen wie „Wie lang brauchst du noch?“ oder Wann müssen wir los?“. Fünf Minuten sind in diesen Fällen ein Synonym für „in absehbarer Zeit“, verständlich für alle Menschen, die in der Lage sind eine Uhr zu lesen und eine konkrete Vorstellung von der Bedeutung der Uhrzeit haben.
Der Umgang mit Zeitbegriffen hat sich bei mir so tief eingegraben, dass ich sie ohne darüber nachzudenken auch in Gesprächen mit meinem Kind verwendet habe. Das kann die Uhr nicht lesen, hat keine Ahnung von Zeiteinheiten, ist aber inzwischen so weit, auf der Waage nicht mehr zu verkünden, dass es sechs Uhr schwer ist.
Dass zwischen Gewicht und Zeit ein Unterschied besteht, obwohl beides in Zahlen ausgedrückt wird, weiß Ditte. Zumindest, dass die Zahlen, die mit der Waage gemessen werden, einen anderen Namen –nämlich Kilo – haben, als die Zahlen der Uhr. Von der Zeit hat sie trotzdem keine Ahnung.
Kinder haben überhaupt eine komische Vorstellung von Zeit, die irgendwie stark von der Relativität geprägt ist.
Zeit ist relativ.
Manchmal, wenn das Kind in ein Spiel vertieft ist, sind fünf Minuten relativ kurz.
In anderen Fällen sind fünf Minuten relativ lang, zumindest den kindlichen Reaktionen nach zu urteilen.
Ich sage zu meinem Kind den Satz: „In fünf Minuten müssen wir los.“
Es hat keine Ahnung, wie lange fünf Minuten dauern, und selbst in dem Fall, dass es eine Uhr hätte, könnte es die Zeit nicht ablesen, geschweige denn herausfinden, wann es fünf Minuten später wäre. Also interpretiert es den Zeitbegriff nach dem eigenen Verständnis.
Wenn es spielt, können die fünf Minuten nach fünf Minuten noch nicht zu Ende sein. Wenn ich mein Telefonat nach zwei Minuten noch immer nicht beendet habe, sind die fünf Minuten schon lange herum.
Weil die Zeit für Ditte relativ ist, habe ich eine Alternative gefunden: Aktivität.
„Hol dir noch ein Buch, und wenn du das ausgelesen hast, bin ich mit dem Telefonieren fertig.“
„Du darfst jetzt noch drei Runden mit dem Bobby Car fahren, dann geht es zum Zähne putzen und ins Bett.“
„Pack schon mal deine Trinkflasche, geh nochmal aufs Klo, zieh dir die Schuhe an. Und dann fahren wir los.“
Das klappt, meist sogar ohne Beschwerde.
Fünf Minuten sind es trotzdem nie. Zeit ist eben doch relativ.
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