Familyevent mit dem Graf
Wenn man auf dem Land lebt, weit entfernt von der nächsten Großstadt, hat man, was Konzerte angeht, nur eine beschränkte Auswahl. Um wenigstens ein, zwei Mal im Jahr ein Konzert zu besuchen, sind wir inzwischen nicht mehr besonders wählerisch. Wir gehen auch zu Konzerten, bei denen wir nur den Namen der Band, ein oder zwei Lieder kennen und vielleicht sogar nicht schlecht finden.
Bis jetzt hatten wir damit fast immer Glück, außer bei Boss Hoss, die waren uns ein wenig zu western. Ja, gelegentlich erleben wir sogar ganz außergewöhnliche Highlights.
Eins davon war Unheilig. Eben erst vor ein paar Tagen.
Unheilig kennt ihr bestimmt, denn der Graf, also der Sänger, ist sowas wie das Ober-Mainzelmännchen von Sat1. Der Herr mit der Glatze, den komischen dreieckigen Kinnbärtchen und der unverwechselbaren Stimme begrüßt die Zuschauer dort quasi zu jeder Werbepause.
Und so ungewöhnlich wie das Äußere des Grafen war auch das Konzertpublikum. Eine wilde Mischung von Menschen, die man auf so einem Konzert nicht unbedingt erwarten würde. Da stand das Gruftie-Girl im schwarzen, bodenlangen Spitzenrock mit Springerstiefeln direkt neben der Blondine mit Tiger-Top. Ein älterer Herr mit kurzem braunem Hemd, brauner Bundfaltenhose und schmaler brauner Krawatte kramte in seinem Herrentäschchen. Den Sonnenbrillenteil seiner Brille hatte er nach oben geklappt. Der langhaarige Mann mittleren Alters, der ihm beim Suchen half, war vermutlich sein Sohn. Das Kind daneben vielleicht sein Enkel.
Überhaupt, Kinder habe ich noch nie in solchen Mengen auf einem Konzert gesehen.
Das hatte auch einen Grund, nein sogar mehrere. Das Konzert fand besonders früh statt, damit die Kinder nicht zu spät ins Bett kommen und trotzdem ihre Eltern begleiten können – oder umgekehrt? Kinder bis zehn Jahre und Erwachsene über 65 mussten keinen Eintritt bezahlen.
An einem Stand vor der Halle gab es Ohropax geschenkt und gegen geringes Pfand Kopfhörer für die Kinder, denn der Graf ist auch noch sozial engagiert, unter anderem als Botschafter gegen Hörverlust.
Natürlich könnte man ihm unterstellen, er würde durch die Ohropax- und Kinderkopfhöreraktion nur den selbst angerichteten Schaden beseitigen. Denn, möchte man meinen, Kinder haben auf Konzerten nichts zu suchen.
Doch!
Beim Grafen schon, denn die sind wunderbar aufgehoben im unheiligen Kinderland.
Wir hätten es auch nicht geglaubt, wenn wir es nicht gesehen hätten. Ditte war bei Oma und Opa untergebracht, aber zum nächsten Unheilig-Konzert darf sie mit, zumindest ins Kinderland. In einem abgetrennten Bereich war ein Truck geparkt, dessen nach oben geklappte Seitenwände den Blick auf ein dreistöckiges Kinder-Spielparadies mit Mal- und Bastelecke, Kletterbereich, Sandsäcken zum Boxen und einer Seilbahn frei gaben. Davor war eine Art Bühne aufgebaut, wo die Kinder Musik machen konnten, und jede Menge Geräte zum Klettern und Balancieren, durch Matten abgesichert. Überall zwischendrin aufmerksame Menschen mit „Crew“-T-Shirt, die Hände, Stifte oder Musikgeräte reichten.
Bemerkenswert fand ich die erste Vorband, Staubkind aus Berlin, denn ich habe selten eine Band erlebt, die so authentisch vermitteln konnte, dass sie sich fast noch mehr freut, bei dem Konzert dabei zu sein, als die Zuschauer. „Wir machen bei jedem Konzert ein Foto von uns und dem Publikum. Dürfen wir auch ein Foto mit euch machen?“
Man merkte ihnen ein wenig an, dass es ihre erste große Tour ist, aber nicht an ihren musikalischen oder Unterhaltungs-Qualitäten, sondern allein an ihrem Enthusiasmus.
Nach dem Auftritt von Andreas Bourani – wir wissen immer noch nicht, ob er gute Musik macht, draußen ging die Sonne unter und es gab Eis – war es dann so weit: Der Graf kündigte sich an.
Mit einer ausgeklügelten Bühnenshow, minutiös geplant.
Erstaunlich, dass man mit zwei Videoleinwänden und einem kurzen Einspieler das Publikum dazu bringen kann, die Sekunden bis zum Konzertbeginn zu zählen, wie beim Countdown zu einem Mondraketenstart. Nach einem Intro, bei dem er noch auf sich warten ließ, stürmte der Graf auf die Bühne, zuerst rechts, dann links, in einem Affentempo.
Der Show-Akt des Abends, unser Entertainer, unser Fitness Instructor. Der gräfliche Bewegungsdrang, sein Talent das Publikum zum Mitmachen zu ermuntern und seine Stimme – oh, die Stimme – sorgten dafür, dass wir beinahe alles machten, worum er uns bat. Wir hoben unsere Hände und sangen mit ihm, obwohl wir textmäßig etwas improvisieren mussten.
Dann fragte er höflich, ob wir alle gemeinsam springen wollen. Ach, was soll’s, ich hatte heute ohnehin noch keinen Sport, dachte ich und hüpfte auf und ab wie ein Gummiball. Der Graf hüpfte auch. Und die Leute links und rechts neben mir, vor und hinter mir, sogar die von den Sitzplätzen waren aufgestanden, um zu springen. Eine ganze Halle voller Flummis. Charisma ist eine gefährliche Sache. Und der Graf hat eine Menge davon.
Wir haben ein ungewöhnliches, erlebenswertes Konzert besucht.
Das nächste Mal gehen wir zu den Ärzten. Ditte wird wahrscheinlich wieder bei Oma und Opa bleiben, denn ich fürchte die Ärzte kümmern sich um den Rock, und nicht um die Kinder.
Schade eigentlich, denn Ditte ist ein großer Ärzte-Fan.
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