Alles eine Stilfrage? Erziehungsstile heute

Auf dem Spielplatz, in der Elternversammlung, an der Bushaltestelle und im Schuhgeschäft: Andere Eltern kann man überall beobachten. Manchmal halten sie uns – ohne es zu wissen – den Spiegel vor die Nase. Wie gehen sie mit Kindern um, wie gehen wir mit unserem Nachwuchs um? Die Wissenschaft unterscheidet meistens in drei bis vier Erziehungsstile, wir schaffen ein paar mehr:
Die sechs häufigsten Erziehungsstile
1.) Modell ‘Surferdude’
‘Surferdude’ und seine Partnerin ‘Surferdudette’ behandeln ihre Kinder erstmal wie Kumpels. Wenigstens ist das der Vorsatz: Bei allen Sorgen wollen die Eltern ein offenes Ohr haben, sie wollen gute Vertraute und beste Freunde des Kindes sein.
Probleme werden besprochen, bis sie verschwinden. Oder bis die Kinder keine Lust mehr haben, Probleme zu machen, bzw. mit ihren Eltern darüber zu reden. Die Fachliteratur spricht hier vom “permissiven” oder “laisser(/z)-faire”-Ansatz, aber was gemeint ist, ist klar.
2.) Modell ‘Big Brother’
‘Big Brother’ weiß alles. Was er oder seine Partnerin ‘Big Sister’ nicht weiß, bekommt er heraus. Durch geschickte Fragen, durch Beobachtungen, durch ein Elefantengedächtnis. Verzeihen und Vergeben? Fehlanzeige. Stattdessen wird Big Brother eher ein Mal zu oft als zu wenig ermahnen, Vergleiche mit vorigen Vergehen ziehen und so für Wohlverhalten sorgen.
Die im letzten Jahr vielbesprochenen Helikopter-Eltern verhalten sich so; Fachleute nenne so etwas, wenn sie das Befolgen von Weisungen betonen wollen, auch ‘autoritären Führungsstil’. Tigermoms und Tigerdads müssen wohl auch ähnlich vorgehen, damit der Nachwuchs die geplante Zeit am Klavier hocken bleibt. Vermutlich ist dieser Elterntyp verantwortlich für die gestiegenen Verkaufszahlen von Babyphones mit Videoüberwachung.
3.) Modell ‘Erstmal Googeln’
Ein Web 2.0-Erziehender hat erstmal nicht besonders viel Ahnung. Das macht ihn authentisch, das macht ihn sympathisch. Naja, das macht ihn oder sie nicht zu einem besonders kompetenten Erzieher, aber vielleicht kriegt Google das in den Griff. Wenn’s gut läuft, findet der Papa oder die Mama schnell einen brauchbaren Tipp, der idealerweise noch in dieselbe Richtung läuft, wie seine Intuition.
Zum Beispiel: “Das Kind kann nicht einschlafen? Hey, vielleicht ist es einfach noch nicht müde.” oder ”der Teenager steht auf üble Musik? Das tun alle.”. Wenn’s nicht so gut läuft, bleiben die Eltern ähnlich verwirrt wie vor der Internet-Recherche, wissen aber genau, dass es vielen Leuten so geht. Willkommen im Club. Die Fachliteratur hat für Eltern im Web 2.0 noch kein Wort… Wir schon: Hallo, Gleichgesinnte!
4.) Modell ‘Alles Bestens’
Hier wird’s dann leicht esoterisch: Der autoritative Erziehungsstil stellt eine super-gelungene Mischung aus Zuhören und Einmischen dar. Aus Respektieren und Respektiertwerden. Aus Achtung und ähm, Achtung zurück. Ist im Zweifel eh nicht hinzubekommen, weswegen er selbst auf Wikipedia schön langsam ins Reich der Märchen verschoben wird… “häufig uneinheitlich dargestellt, aber für die kindliche Entwicklung meist recht günstig”. Na toll.
Wie man genau “autoritativ” wird? Ich würde gern glauben, dass es mit ausreichend gegrillten Rindersteaks klappt, aber das ist wohl auch nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss. Ein halbes Leben lang studieren und wirklich gutwillige Kinder haben; das könnten schonmal gute Startbedingungen sein für ein Leben im autoritativen Erziehungshimmel.
5.) Modell ‘RTL2′
Glotze an, die Kinder sind schon betreut. So geht’s schonmal nicht. Fernsehen in Überdosis ist für Kinder schlecht, da sind sich erstmal alle einig. Den “vernachlässigende Erziehungsstil” gibt es eben leider auch.
Wir wollen jetzt aber ernsthaft keine Panik machen, von Löwenzahn, der Sendung mit der Maus oder einem vor der Glotze vergammelten Nachmittag wird ein Kind auch nicht gleich emotional und intellektuell verrohen. Die Dosis macht’s, das ist so wie mit allem im Leben.
Fernsehen kann auch die Eltern nachhaltig verwirren: Die Super-Nanny als Erziehungs-Ratgeber!? Mal ehrlich: Selbst die Koch-Sendungen im Fernsehen sind unglaubwürdiger Unfug, und das schon seit Jahrzehnten. Wie kann da irgendjemand glauben, dass die Erziehungssendungen von auch nur durchschnittlicher Qualität sind?
“Wir hängen hier Regeln an die Wand.”, “Wer heimlich an den Kühlschrank geht, muss fünf Minuten auf die stille Treppe”… Diese scripted reality-Sendungen haben mit dem Familienalltag wenig zu tun.
6.) Modell ‘Muddling through’
Wikipedia ist toll, da copy/paste ich gleich mal die Definition von ‘muddling through’ her:
„Muddling-Through“ (deutsch: „Sich-Durchwursteln”) ist in der Organisationstheorie eine Konzeption von Steuerung, deren Ergebnisse sich durch wechselseitig untereinander erfolgende Abstimmungsprozesse aller beteiligten Akteure ergeben.
Bei dieser Methode der Steuerung wird gänzlich auf zentrale bzw. zentralistische Planung verzichtet.
Also: Kein Plan, aber immer wieder neu aushandeln. Darf man vermutlich niemals gegenüber den Kindern in aller Gänze zugeben, aber irgendwie machen das dann auch alle Eltern. Wenigstens ab und zu.
Wenn im Internet nichts Brauchbares steht (vgl. Modell 3).
Bildquelle: Aufnahme von Skadie
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